Jasna`s Kreativ-Werkstatt: Lauf der guten Hoffnung

Bis dass die Füße uns tragen

Am Samstag, 14. Juli 2018 startete der 11. Lauf der guten Hoffnung von Oberstdorf nach Immenstadt. Der Bergsteiger Peter Melchin hatte die Idee dazu vor zehn Jahren während einer Alpenüberquerung. Er will damit auf die schreckliche Kinderkrankheit NOMA in Afrika aufmerksam machen, die ohne Behandlung meist tödlich verläuft. Mit Geldspenden beim Lauf kann jeder Teilnehmer jedes Jahr einen Beitrag dazu leisten und Gutes tun.

Ein Freund und ich wollten helfen und hatten uns ein hohes Ziel gesetzt: die komplette Tour, knapp 62 Kilometer. Wir waren beide körperlich fit (dachten wir zu diesem Zeitpunkt jedenfalls noch) und randvoll gepackt mit Motivation das durchzuziehen. Also treffen wir um vier Uhr morgens am Haus Oberstdorf ein, um mit vielen begeisterten Läufern in den Sonnenaufgang zu starten. Die Stimmung ist fantastisch, keine Anzeichen von Müdigkeit bei den anderen. Und ich überle… gäääähn… ge, ob die Nacht der anderen wohl länger war als unsere. Peter ist ganz in seinem Element und kann sich vor Aufregung kaum halten. Ich frage mich, ob er die letzten Tage überhaupt geschlafen hat. Die Arbeit der letzten Wochen merkt man ihm nicht an, so strahlend wie er durch die Menge läuft und sich über jeden einzelnen Mitläufer freut wie ein kleines Kind (das ist tatsächlich so!!! Und… es ist ansteckend!). Dieser Lauf ist wohl wie ein Baum für ihn, den er vor vielen Jahren gepflanzt hat und der nun Früchte trägt. Nur mit Liebe und Wasser durch viele Hände konnte er so gut wachsen. Wir werden mit T-shirts und Armbändern ausgestattet und nach einer kurzen Ansprache von Peter bewegt sich die Menge in Richtung Ortsausgang. Wir lassen uns treiben und genießen die kühle Luft, die wir in uns aufsaugen, bevor die Sonne das Laufen erschweren wird. Es fängt etwas zu regnen an, aber der Stimmung tut das keinen Abbruch und bevor wir wirklich nass werden, hört es auch schon wieder auf. Unser erstes Etappenziel ist Fischen, von dort geht es weiter nach Altstädten.

Unterwegs treffen wir das ein oder andere bekannte Gesicht und lernen ein paar Mitläufer kennen. Egal mit wem wir uns unterhalten, jeder hat ein Strahlen im Gesicht und freut sich, hier dabei zu sein. Man hat das Gefühl, Teil einer großen Familie zu sein. Und tatsächlich ist auch jedes Alter vertreten. Fürs Helfen sind eben keine Grenzen gesetzt. Es ist kurz vor sechs und die Sonne ist mittlerweile ganz aufgegangen. Stefan Lindauer, der die Tour als Fotograf und passionierter Streckenfan begleitet, ist mit seinem Fahrrad unterwegs und fährt die Tour ab wie ein Schäferhund seine Herde bewacht, immer auf der Suche nach dem perfekten Schnappschuss. In Altstädten auf dem Hof der Allgäuer Keramik legen wir einen kurzen Etappenstopp ein. Wir freuen uns über Butterbrezen und schlendern ein wenig durch den toll dekorierten Laden der Manufaktur. Frisch gestärkt geht es weiter in Richtung Imberg.

Dieser Teil der Strecke ist etwas steiler als die anderen und führt durch ein schönes Waldstück. Wir kommen das erste Mal ins Schwitzen und ziehen die oberste Kleidungsschicht aus. Von hier haben wir einen unglaublichen Blick in die Berge, der uns fast den Atem verschlägt (vielleicht ist das aber auch dem schweißtreibenden Anstieg geschuldet). Mit den Kuhglocken im Hintergrund, dem Bergpanorama vor uns und den urigen Hütten am Wegesrand haben wir das Gefühl auf einer Alp zu sein. Uifach sche dahuim!

Von Imberg geht es weiter nach Bad Hindelang, eine der schönsten Strecken der Tour. Es geht über Wiesen, durch Wälder vorbei an Schafen und Pferden. Vor lauter Heimatliebe und Glücksgefühlen entweicht mir eine Aneinanderreihung von „Ach“`s  und „Oh“`s, zum Leidwesen meines Begleiters. Ja liebe Männer, Frauen müssen ihre Freude öfter zum Ausdruck bringen, als eure Nerven das verkraften. Aber das geht vorbei und wird irgendwann besser… das mit den Nerven. In Hindelang treffen wir im nächsten Etappenziel ein und sind froh über eine kleine Verschnaufpause.

Langsam beginnen die Schuhe zu drücken und das erste Ziehen in den Beinen macht sich bemerkbar. Doch Indianer kennen keinen Schmerz und unterdrücken jeden Anflug von Müdigkeit erfolgreich. Wir sind auf dem Weg nach Burgberg und mit 9,5 km auf der längsten Tour zum nächsten Ziel. In Burgberg angekommen werden wir von Peter freudestrahlend empfangen. Er fragt, warum wir immer noch so frisch aussehen. Ob er wirklich uns damit meint, ist uns schleierhaft. Im Nachhinein sind wir überzeugt, er erkannte unsere verzwickte Lage und wollte uns wahrscheinlich nur etwas aufbauen. Wir lassen das Treiben auf dem Marktplatz auf uns wirken und nutzen die Zeit, unseren Beinen eine Ruhepause zu gönnen.

Nicht mehr ganz taufrisch, aber immer noch hochmotiviert (in Ordnung, das „hoch“ kann man streichen) machen wir uns auf den Weg nach Rettenberg. Die ersten Blasen drücken an den Füßen und irgendetwas ist in der Pause mit unseren Beinen passiert… sie lassen sich nicht mehr ganz so leicht heben wie vorher. Kann bitte jemand die Gewichte abnehmen, die er heimlich dort angebracht hat?! So langsam machen sich Muskeln bemerkbar, die ich bis dato gar nicht dort vermutete. Unterwegs verarztet eine vorbeikommende Läuferin und Krankenschwester meine Blasen und meint, der Lauf sei für mich bei der nächsten Etappe vorbei. Aber bitte, welcher Indianer stolpert denn über Maulwurfshügel, wenn da noch viel größere Berge auf ihn warten?

Am frühen Nachmittag kommen wir in der Brauerei Zötler in Rettenberg an, wir haben bis hier etwas über 40 Kilometer hinter uns gebracht und wollen weiterlaufen, das steht außer Frage. Das Ziel war von Anfang an klar und das lassen wir nicht aus den Augen. Dass die nächsten Kilometer zu einer noch größeren Herausforderung werden, ist uns hier noch nicht ganz bewusst (Gott sei Dank!).

Das Schlimmste ist immer das Loslaufen, nach dem man eine Pause gemacht hat. Ich muss mich zusammenreißen, dass mein inneres Kind nicht laut aufschreit und sich weigert noch einen Schritt weiterzulaufen. Es geht in Richtung Untermaiselstein und ich kann das Ziel jetzt schon nicht mehr erwarten. Unterwegs reden wir mit anderen über den Hintergrund des Laufes, die Kinderkrankheit Noma. Es geht um Menschen in Not, um Dankbarkeit und ums Helfen. Jeder von uns hat das Bedürfnis Gutes zu tun und sozial Schwächere zu unterstützen. Wir reden darüber, wie sich die Welt verändert und was jeder einzelne dafür tun kann, sie ein kleines bisschen besser zu machen. Es ist wichtig zu erkennen, dass die Probleme unseres Planeten jeden von uns etwas angehen. Es kann nicht einer die ganze Welt retten, aber wenn wir alle gemeinsam, jeder einen kleinen Teil, dazu beitragen, können wir es schaffen. Ich wünschte, die Menschen würden endlich aufwachen aus ihrem Trott und erkennen, was wir aus unserer Erde machen. Und am Ende zählt nur, wer bereit war, auch wirklich was zu verändern und nicht nur darüber zu sprechen. Um es mit der Philosophie des Laufes zu sagen: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

Unsere nächste Station ist Martinszell. Wie wir bis dorthin kommen sollen, ist uns im Hinblick unserer körperlichen Verfassung aktuell zwar noch nicht ganz klar, aber unsere Füße übernehmen heute die Verantwortung und wir lassen sie machen. Die sieben Kilometer kommen uns vor wie eine Ewigkeit. Wir reden kaum mehr ein Wort, um wertvolle Energie zu sparen. Ich denke an unseren Start heute Morgen und wie wir die Tour tatsächlich etwas unterschätzt hatten. So schnell bekommen 60 Kilometer eine ganz andere Bedeutung.

Unser letztes Etappenziel ist Art of Lights in Seifen. Ich bin schon jetzt ein bisschen stolz auf uns und weiß, dass wir mit dem Ziel vor Augen auch die letzten Kilometer noch schaffen werden.

Wenig später bin ich nur noch ein Teil meiner Selbst und nicht mal mehr fähig zu reden vor lauter Erschöpfung. Die Kontrolle über meinen Körper habe ich mittlerweile komplett aufgegeben. Ich sehe, wie sich ein Fuß vor den anderen setzt wie eine Marionette und bin froh, dass ich mich um nichts kümmern muss. Dass die Sonne um diese Zeit noch so stark vom Horizont brennen kann, hätte ich nicht für möglich gehalten. Es ist mittlerweile 19 Uhr und ich habe das Gefühl, seit drei Tagen unterwegs zu sein (genau genommen sind es zu diesem Zeitpunkt ca. 15 Stunden). Die letzten Kilometer ziehen sich wie Kaugummi und ich bin mir plötzlich nicht mehr sicher, ob wir überhaupt noch irgendwo ankommen. Ich würde am liebsten einfach umfallen und dort liegen bleiben. Wir passieren das Immenstädter Ortsschild. Mit letzter Kraft laufen (es ist mittlerweile eher ein humpeln aufgrund der vielen Blasen) wir in Richtung Schloss und können es kaum fassen, als sich der Marktplatz vor uns auftut. Wir haben es geschafft! Ich glaube es nicht, wir haben es tatsächlich geschafft. So richtig hatten wir unterwegs beide nicht mehr daran geglaubt, dass wir es durchziehen. Keiner von uns sagt etwas. Ich glaube wir realisieren es beide noch nicht ganz und sind zu kaputt, um darüber zu reden. Mit leeren Akkus setzen wir uns und lassen die Läufer-Ehrung im Schloss-Innenhof an uns vorbeiziehen. Heute Morgen dachten wir noch, wir würden den Abend bei Musik und ausgelassener Feierei ausklingen lassen, aber wir können es einfach nicht mehr erwarten, unsere Füße in die Waagrechte zu bringen und so machen wir uns langsam (schnell geht heute nichts mehr) auf den Heimweg (mit dem Auto!!!).

Ein grandioser und unvergesslicher Tag geht zu Ende. Es war unfassbar anstrengend, alles andere wäre gelogen, und doch macht sich große Glückseligkeit in uns breit. Mit diesem Lauf konnten wir großes Bewirken und Gutes tun. Wir werden vielen davon erzählen, die es uns dann vielleicht im nächsten Jahr gleichtun werden. Es müssen ja nicht gleich die ganzen 62 Kilometer auf einmal sein (ein kleiner Tipp von mir). Und so wächst die Lauf-der-guten-Hoffnung-Familie immer weiter. Unterwegs habe ich viel über eigene Grenzen und Möglichkeiten nachgedacht. Ich glaube, dass wir uns und diese beiden Fähigkeiten oft unterschätzen. Körperlich hatte ich mein Limit heute mehr als überschritten und dachte in vielen Momenten: jetzt ist es vorbei, ich laufe keinen einzigen Schritt mehr weiter. Doch mein Wille war stärker und aus irgendwelchen tiefen Ressourcen heraus zog mein Körper alle Energie, die er finden konnte. Ist es nicht so, dass wir uns unsere Grenzen meistens selbst setzen? Wenn wir denken, nicht stark genug zu sein und unserem Gehirn die Info geben, Schranken zu bauen, können wir auch nicht mehr weiterwachsen und uns davon überzeugen, mehr zu schaffen als anfangs vermutet. Tatsächlich liegen unsere Möglichkeiten nämlich weit hinter der Grenze die wir uns, meist unbewusst, ziehen. Wenn wir lernen, aus unserer Komfortzone auszubrechen und neue Wege gehen, werden wir schnell erkennen, zu was wir eigentlich fähig sind. Wir brauchen nur etwas Mut und Vertrauen dazu. Und wenn wir dann voller Stolz auf unseren Weg zurückblicken, können wir es gar nicht mehr erwarten uns in das nächste Abenteuer zu stürzen. Denn wenn wir einmal die Grenzen überschritten haben, werden wir es immer wieder tun. Und damit verändern wir alles.

Ob meine Füße noch Teil meines Körpers sind, kann ich aktuell gar nicht sagen… ich spüre sie nicht mehr. Ich schaue an mir runter… „Braucht die grad noch jemand oder können die weg?“

 

 

Jasna`s Kreativ-Werkstatt: Lauf der guten Hoffnung

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